PETER CASSIRER


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DIE ENSTEHUNG VON BEDUTUNGSSTRUKTUREN -
EINE DIDAKTISCHE DEMOSTRATION

 

Aus einer Festschrift für Otto Gschwantler, Wien


(1) BB

(2 ) GB TV

(3) IQ AB Ba BC C TV

(4) FF LP EP UKV LSD

(5) SSU RFSU TV

(6) vpl OP

(7) SKF LO ABF TV

(8) SKF PR TCO DN TV

(9) SKF VD SAF SvD TV

(10) ATP KDS TV

(11) GB TV

(12) TV

(13) TV

(14) STOP



Theoretischer Ramen

Die Frage, wie der (tiefere) Sinn eines Texts entsteht, ist ebenso alt wie die verschiedenen Antworten umstritten sind. Ich will hier mit Hilfe eines "Gedichts" von dem schwedischen Entertainer Tage Danielsson einige strukturale Strategien demonstrieren - Strategien von genereller Natur und daher auf alle Texte applizierbar.

Die Demonstration ist didaktisch angelegt; ich führe sie in der ersten Vorlesung in einem Interpretationskursus aus. (Diesen Kursus konnte ich auch während meiner Zeit in Wien 1985/86 durchführen.) Die Absicht ist dennoch nicht nur pädagogisch, da aus dem Ergebnis deutlich hervorgeht, dass die Kluft, die einige Interpretatoren zwischen "Strukturalismus" und "Hermeneutik" sehen wollen, in der Praxis sehr wohl überbrückbar ist. Struktural ist in dieser Vorgehensweise die Entdeckungsprozedur von den paradigmata a posteriori die mit und in der Interpretation sowie durch und für die Interpretation des Textes entstehen.

Ehe wir einen Text auf seinen Sinn untersuchen müssten wir uns - ideal! - klar machen, mit welchen Erwartungen und mit welchem Vorverständniss wir uns dem Text nähern, da beide diese Faktoren der hermeneutischen Theorie nach unsere Interpretation beträchtlich beeinflussen. In dem gegeben Fall versuche ich deshalb bei der ersten Konfrontation zwischen Text und Studenten so wenig wie möglich vorauszusetzen; dass die Studenten trotzdem auf einen Text - d.h. sprachliche Symbole mit einer inherenten Struktur - eingestellt sind, ist unvermeidlich.


Der Text, der oben abgedruckt ist (die Ziffern gehören nicht zu dem ursprünglichen Gedicht), besteht bei erstem Anschein aus enigmatischen Buchstabenkombinationen die sich bei dem Lesen allmählich als Abkürzungen herausstellen und die alle in der Schwedischen Sprache ihre individuelle Bedeutung haben. Ihren Sinn im Text bekommen sie durch ihr gegenseitiges Verhältnis zu einander. (Sinn hier wie in Duden Stilwörterbuch 'geistiger Gehalt', Bedeutung ung. 'lexikalischer Inhalt'. Bedeutung entspricht auf Schwedisch betydelse, während mening 'den vom Verfasser beabsichtigte Sinn' bedeuten kann. Die tiefste Ebene in diesem Wortfeld bezeichnet schw. innebörd was dem obengenannten 'geistiger Gehalt' nahe kommt.)


Die Bedeutungen der Abkürzungen:

BB Entbindungsheim (Barnbördshus)

GB Eis-Marke (Göteborgs-Glass)

TV =

IQ Intelligenzquote

AB, Ba, BC, C Frühere Zensurstufen in der Schule

FF Elternfreies Fest (Föräldrafritt)

LP Long-playing

EP Extended playing (auch von Grammophonplatten)

UKV Ultrakurzwelle

LSD Lysergic acid diethylamid (Schweres Narkotikum)

SSU Sozialdemokratische Jugendorganisation (Sveriges Socialdemokratiska Ungdomsförbund)

RFSU Verband für Sexuelle Aufklärung (Riksförbundet för sexuell upplysning)

vpl Wehrpflichtig

OP OP Anderssons Akvavit

SKF Schwedische Kugellagerfabrik (Svenska Kullagerfabriken)

LO Landsorganisation der schw. Arbeiterpartei

ABF Bildungsinstitut der Arbeiter (Arbetarnas Bildningsförbund)

PR "Public relation"

TCO Zentralverband der schw. Beamten (Tjänstemännens Centralorganisation)

DN Dagens Nyheter (grösste liberale Morgenzeitung Schwedens)

VD Geschäftsführender Direktor (Verkställande direktör)

SAF Schw. Arbeitgeberverband (Svenska Arbetsgivarföreningen)

SvD Svenska Dagbladet (führende konservative Zeitung)

ATP Allgemeine Pension (Allmän tjänstepension)

KDS Kristdemokratische Partei (Kristet Demokratiska Samlingspartiet)

 

Das Experiment soll zeigen wie zuerst die Bedeutungen der einzelnen Abkürzungen entstehen aber auch wie schon diese Bedeutungen von einander abhängig sind und schliesslich wie aus den Beziehungen zwischen diesen Bedeutungen der Sinn des Texts entsteht. (Es hat sich erwiesen dass dieses didaktische Modell auch Lesern die Schwedisch nicht beherrschen, zu einem (gewissem) Verständnis von dem Gedicht verhelfen kann.)


Das Paradigma

Als wichtiges Hilfsmittel in der Interpretation benutze ich den Begriff Paradigma. Paradigmata können zweier Art sein: inhaltlich und formal. Ein inhaltliches Paradigma besteht aus Wörtern mit einem gemeinsammen Nenner - ein Wortfeld ist ein prototypisches Paradigma. In der Interpretation ergeben die Bedeutungen der Wörter und Sätze, sowie die formalen Faktoren (die äussere Struktur, wenn man so will), Paradigmata a priori, also vor dem Text, wogegen die Sinn-Strukturen Paradigmata a posteriori, d.h. nach dem Text ergeben. Die Paradigmata a posteriori entstehen in der Interpretation des Textes und sind gleichzeitig die Säulen der Interpretation. Während die Paradigmata a priori - sowohl die Inhaltsbezogenen wie die Formalen (siehe gleich unten!) - von der Interpretation unbeeinflusst verbleiben, können sich die Paradigmata a posteriori während des immer tiefer in den Text eindringenden Lesens verändern. (Über die theoretische Grundlagen der paradigmatischen Analyse, siehe z. B. Manfred Titzmann, Strukturale Textanalyse, UTB 582, W. Fink Verlag 1977; über die "hermeneutische Spirale" siehe auf Schwedisch z.B. Erland Lagerroth, Romanen i din hand, 1976, S. 90ff.)


Ein wichtiges theoretisches Ergebnis, das aus dem folgenden hervorgeht, ist dass die "paradigmatische Äkvivalenz", die zufolge Roman Jakobson in "Linguistics and Poetics", seinem bekannten Schlusswort zu Style and language (ed. Thomas Sebeok, 1960), von der paradigmatischen Axe auf die Syntagmatische projiziert wird, als a posteriori zu bezeichnen ist, indem der gemeinsame Nenner, der das Paradigma qua Paradigma konstituiert, erst in dem aktuellen Text entsteht. ("The poetic function projects the principle of equivalence from the axis of selection into the axis of combination", S. 303, wobei "axis of selection" dem Paradigma a priori entspricht.)


Dass dieses Prinzip bei aller Interpretation gültig ist, und nicht nur in "Poetischen" Texten, wird in unserem Experiment deutlich denn obwohl unser Text die Form eines Gedichts hat, werden wir ihn kaum als "poetisch" betrachten. Über das Problem der "Poetizität", das für Roman Jakobson und den anderen russischen Formalisten von so entscheidenden Wichtigkeit is, soll hier nicht weiter die Rede sein. Es genügt zu konstatieren dass das jakobsonsche Prinzip in unserem Text sehr deutlich wirkt, dadurch dass wir bedeutungsgemäss so verschiedenartige Elemente wie {BB, STOP} oder {TV, LSD, OP} als Paradigmata "auf der syntagmatischen Ebene" - d.h. a posteriori - betrachten werden.



Das Experiment

In der Vorlesung, mit der ich den Interpretationskursus beginne, zeige ich den Text Zeile für Zeile mit einem Arbeitsprojektor und bitte einen Studenten dass, was er oder sie sieht, vorzulesen. Der Fall, wo die Exponierung der ersten Symbole - BB - erst nur ein Lesen zweier Buchstaben (B, B), ergibt, ist für das Experiment besonders günstig. Mit dieser Lesart zeigt sich nämlich, dass der Student noch keine Bedeutung entdeckt hat, sondern nur zwei Buchstaben, d.h. zwei potentielle Symbole, erkennt.


Die Exponierung der nächsten Zeile ergibt im allgemeinen - besonders durch die gewöhnliche Abkürzung TV - eine Lesart, wo die Prosodie deutlich macht dass der Leser die Buchstaben als Abkürzungen erkennt und ihnen also eine Bedeutung zuspricht: das ist der erste Schritt in dem hermeneutischen Spiral der allem Verstehen zu Grunde liegt. Es ist wichtig den Studenten hier klar zu machen, welchen wichtigen Schritt wir getan haben indem wir einer Buchstabenkombination eine Bedeutung zugesprochen haben.


Die Deutung der Zeichen BB und GB kann gewisse Schwierigkeiten bereiten: im Licht von TV wird BB manchmal als Brigitte Bardot ausgedeutet und es ist auch tatsächlich vorgekommen dass in diesem Ramen dann für GB Greta Garbo vorgeschlagen wurde, obwohl diese Lesart eigentlich unmöglich sein sollte. Aber auch so eine Deutung ist von grossem Wert, da sie den Einfluss des Kontexts auf die Interpretation einzelner Symbole deutlich macht. Der Ramen - oder das Schema, wie es in der modernen Informationswissenschaft heisst - bedingt die Interpretation der Zeichen wie wir eben gesehen haben sogar so weit, dass der Leser auch einen offenbaren Felgriffe tun kann!


Es ist nach dem Exponieren von den zwei ersten Zeilen ungewöhnlich dass jemand in der Gruppe schon eine Struktur erkennt; erst mit der dritten Zeile (IQ AB Ba B C TV) wird im Allgemeinen ein Zusammenhang deutlich: älteren Studenten erkennen die früheren Zensurstufen der Schule, und wenn nicht schon hier, so wird mit der nächsten Zeile (FF LP EP UKV LSD) der Begriff "Altersstufe" eingeführt.


Das Strukturprinzip

Damit ist eine Hypothese über einen wichtigen Aspekt der Struktur des Texts aufgestellt; eine Hypothese den der weitere Text bestätigt. Im Licht des Strukturprinzips dass die Zeilen Alterstufen bezeichnen und mit Hilfe von Zeile 3 kann ein Schwede nun in BB sehr leicht als die übliche Abkürzung für Barnbördshus, 'Entbindungsheim', erkennen. Indem der Leser zu dem Anfang zurückgeht und im Lichte der spätren Zeilen den Buchstaben BB eine gewisse Bedeutung zuschreibt hat er den ersten wichtigen Schritt in der hermeneutischen Spirale getan, in der er dann dieses Symbol ersten Grades im Licht des folgenden Texts weiter als ein Symbol zweiten Grades interpretieren wird indem er BB metonymisch als 'Beginn des Lebens' lesen wird um das Symbol schliesslich, auf Grund des folgenden Texts, noch weiter in 'Anfang eines Lebens' zu präzisieren.

Das STOP am Ende des Texts, das mit einem auslautenden p auf schwedisch eigentlich 'Krug' bedutet, wird erstmals - weil es am Ende des Textes steht - ganz einfach in 'stopp' umgedeutet, bekommt aber im Lichte von dem Sinn den wir BB geben, den Sinn 'Ende des Lebens' und - wenn wir für BB 'Geburt' lesen - schliesslich den Sinn 'Tod'. In dieser gegenseitigen Determination sehen wir ein grundsätzliches Interpretationsfänomen in Aktion, das für die hermeneutische Theorie grundlegend ist; sie lässt sich nicht immer so deutlich vorführen wie in diesem Text!

Mit Geburt und Tod haben wir nun auch einen Menschen postuliert; seinen Lebenslauf können wir im Text deutlich verfolgen: nach der Schule interessiert sich die junge Person für elternfreie Feste, Musik und - leider auch - Drogen. Später kommt die Politik und die Liebe ins Bild. Die sechste Zeile besteht aus nur zwei Symbolen, vpl und OP, (was noch zu kommentieren sein wird). vpl räpresentiert ein Stadium in dem Leben jeden jungen schwedischen Mannes, die Wehrpflicht, und das Symbol lenkt die Deutung dazu dass es sich im Text um einen Mann handelt. Er macht dann an der Schwedischen Kugellagerfabrik, wo er verschiedene Posten hat, eine formidable Karriere. Er fängt als Arbeiter in Zeile 7 an, was mit LO und ABF markiert ist und wo wir auch bemerken dass er keinen Titel trägt oder dass sein Auftrag wie in Zeile 8 angegeben wird; dort ist er nämlich schon public relation-man (PR), wobei er auch in einer andere Gewerkschaft (TCO) Mitglied wird und eine liberale Zeitung liest. Er beendet seine einzigartige Laufbahn als Direktor (VD) und tritt folgerichtig in den Arbeitgeberverband ein, wobei er die liberale Zeitung in eine Konservative tauscht. Mit der Pensionierung (ATP) folgt schliesslich noch ein Wechsel zur Kristlich-Demokratischen Partei (KDS)

Die Zeilen 7 -10 stellen in nuce eine Entwicklungsgeschichte dar, die allgemein gesehen - als aussage über die menschliche Natur - wohl kein Kommentar fordert. Realistisch ist diese Geschichte allerdings ganz und gar nicht im Sinne dass es tatsächlich jemanden mit einer solchen Laufbahn gegeben hätte. Dass es keine solche Person gibt ist für unserer Interpretation deswegen von grosser Bedeutung, dass wir dadurch den Text nicht als eine individuelle Lebensschilderung lesen werden, sondern ihm einen generellen Sinn zuschreiben werden wollen.


Wir haben bemerkt, dass das vertikale Strukturprinzip den Text chronologisch gliedert indem jede Zeile eine Alterstufe bezeichnet. Wirkt in dem Text auch ein horizontelles Strukturprinzip, d.h. können wir auch auf den Zeilen ein Strukturprinzip erkennen? Die Antwort ist ja, aber mir scheint als wäre dieses Strukturprinzip ein anderes, und nämlich eher inhaltlich als zeitlich. Das erste Symbol auf den Zeilen, die mer als ein Symbol tragen, ist ein Schema - d.h. ein interpretatorischer Ramen - für diese Zeilen. Besonders deutlich ist das in den Zeilen 4, 6 und 7 - 9. Auch in Zeile 10 kann man ein bedingtes Verhältnis zwischen der Pension und dem kristlichen Interesse sehen, wo das Pensionsalter das Schema oder der Auslösende Faktor ist.

Das verhältniss zwischen den Zeilen ist chronologisch, das strukurale Verhältnis auf den Zeilen ist eher eine Art Perspektive, wo das erste Symbol dadurch ein besonderes Gewicht hat, dass von seinem Gesichtspunkt der Rest der Zeile gelesen wird.

Obwohl das strukturale Prinzip auf der Horizontalebene ein anderes ist aus als auf der Vertikalebene und die von den Symbolen bezeichneten Elemente als gleichzeitig empfunden werden können, d.h. man kann gleichzeitig Eis och Fernsehen geniessen und auf einem elternfreien Fest gleichzeitig Musik hören und - wenn überhaupt - Droge wie LSD nutzen. Jedoch ist es auch sehr wohl möglich, dass das TV, das beinahe jede Zeile beendet, auch den Tag beendet. Der Vollständigkeit wegen soll auch angemerkt sein, dass die Schulreifeprüfung natürlich den Zensuren vorangeht.

Wir können also in unserem Text zwei konstituierende strukturale Prinzipien feststellen, nämlich dass zwischen den Zeilen eine Zeitprogression vorgeht während auf den Zeilen in einem gewissen Inhaltlichen Ramen im grossen ganzen Gleichzeitigkeit herrscht. Zu diesem Schluss sind wir mit Hilfe sowohl formaler wie inhaltlicher Kriterien gelangt. Die zeitliche Progression ist im Text ikonisch ausgeführt, indem er ohne Abweichungen chronologisch strukturiert ist. Das erleichtert die Interpretation des Textes als eine Lebensbeschreibung. Sonst enthalten die einzelnen Abkürzungen (ausser SSU, wo das U für ungdom(sförbund), 'Jugendverband' steht), keine semantische Merkmale für ZEIT. Sowohl vpl als ATP sind allerdings pragmatisch mit gewissem Alter verbunden ebenso wie die Schulzeit auf Zeile 3 und das "elternfreie Alter" in Zeile 4.

Damit hätten wir den ersten Schritt zu einer Interpretation dieses Textets getan. Wir haben dazu sowohl formale wie inhaltsbezogene Paradigmata benutzt. Es ist nun angebracht die Interpretationsmethode zu kommentieren.


FORMALE PARADIGMATA

Formale Paradigmata - die von dem Inhalt des zu analysierenden Texts unabhängig sind - können nach den folgenden Kriterien aufgestellt werden:

 


In unserem konkreten Fall sind folgende Paradigmata besonders nützlich:

Anfang und Ende eines Texts sind, wie es die psycholingvistische Forschung gezeigt hat (z.B. in arbeiten von van Dijk), von besonderer Bedeutung für die Auffassung eines Texts. Dass der Anfang als Schema wirkt ist schon genannt worden. In unserem Text ist der Anfang bezw. das Ende des Textes die erste bezw. die letzte Zeile und damit gleichzeitig das erste bezw. letzte Wort. Das Gedicht hat allerdings einen Titel - und dieser steht selbstverständlich an erster Stelle und müsste beachtet werden. Er ist Livet är kort 'Das Leben ist kurz'. Da der Titel prinzipiell als Schema anzusehen ist und in unserem Fall sicherlich die Deutung zu sehr erleichtern würde, ziehe ich es vor den Titel erst nach der Demonstration zu zeigen. Ich berücksichtige ihn deswegen auch in dieser Demonstration nicht.

(Das Wort erleichtern oben könnte uns in eine interessant Diskussion über richtige und falsche Interpretation leiten, fürdie hier nicht der Platz ist. Es soll genügen zu erwähnen, dass ein "richtiges" Schema die Interpretationsmöglichkeiten einschrenken und dass man erst nach seinen ersten eigenen Hypothesen über den Sinn eines Texts zu den üblichen Hilfsmitteln (wie z.B. die Biographie des Verfassers) gehen sollte.)

Weitere Positionsverhältnisse, nämlich die Reihenfolge der Zeilen und die Reihenfolge der Symbole auf den Zeilen haben wir auch schon besprochen.

Wir haben nun auch - logisch - das erste formale Prinzip auf die einzelnen Zeilen zu projizieren, was hier also Erstes und letztes Wort auf jeder Zeile bedeutet. Den Stellenwert des ersten Wortes haben wir in den meisten Zeilen als Schema betrachtet. Die Bedeutung des letzten Wortes der Zeile wird in diesem Text besonders deutlich wenn wir - was auch methodisch/theoretisch wichtig ist - die nächste formale Kategorie - die Kombination von Position und Kvantität - beachten:


Kvantität

Grundsätzlich muss hier unterstrichen werden, dass wir aus den Kvantitativen Verhältnissen sicherlich wenigstens über die Thematik eines Textes gewisse Schlüsse ziehen können; vielleicht lässt sich sogar auf einer nicht allzu tiefen Ebene auch etwas über die Bedeutungen in dem Text auf Grund von diesen Kvantitäten sagen. Um aber auch etwas über die tieferen Ebenen - d.h. den Sinn - aussagen zu können, müssen wir auch und vielleicht vorallem die Verhältnisse und Interaktion zwischen den thematisch wichtigen Elementen untersuchen. Wir haben das schon in dem Verhältnis zwischen BB und STOP gesehen.

Selbstverständlich muss eine oft vertretene Kategorie auf ihren eventuellen interpretatorischen Wert untersucht werden und ganz gewiss wird sie auch sehr oft, vielleicht immer, eine wichtige Rolle in dem Text spielen. Umgekehrt kann jedoch nicht behauptet werden, dass ein Symbol (Wort oder Begriff) der in einem Text selten vorkommt dadurch unbedingt auch weniger wichtig sein muss. (Darüber z.B. in meiner Studie Stilen i Hjalmar Söderbergs "Historietter", Göteborg 1970, S. 159f.)

Aus kvantitativer Sicht verteilen sich die Symbole folgenderweise:

 

 

 

 


Wir werden unten dazu zurückkommen.


Da die Zeilen verschieden lang sind, ensteht die Frage ob die Quantität der Symbole auf jeder Zeile von interpretatorischem Wert sein könnte. (Dabei haben wir schon die Frage, ob die gesamte Anzahl der Symbole des Texts eine Bedeutung für den Sinn des Texts haben könnte, mit NEIN beantwortet. Wahscheinlich sind immer nur die quantitativen Verhältnisse zwischen den Paradigmata von generellem Interesse.)


Wenn wir den Text auf den Rücken legen. können wir zwei Höhen erkennen:


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Zeile 3, die Schulzeit, hat die meisten Symbole (6) und ist ebenso lang wie 4, 8 und 9. Dass die Zeilen 2, 6, 11, 12 und 13 nur zwei resp. einen Symbol tragen kann sehr wohl Inhaltliche Relevanz haben: wir können ein ikonisches Verhältnis zwischen Lebensinhalt (-Wert) und Symbolenanzahl annehmen. Dies wird besonders durch Zeile 6 deutlich: der Verfasser scheint der Wehrpflicht keinen grösseren "Inhalt" zuzumessen. Danielsson hätte sonst mit grösster Leichtigkeit die Zeile mit einer Menge Abkürzungen füllen können; solche sind ja im Militär noch gewöhnlicher als in vielen anderen Bereichen.

(Ob in der Sprache passende Abkürzungen vorkommen, ist natürlich für diesen spezifischen Text an und für sich ein hochinteressanter Aspekt. Der Zwang, den die Form auf den Inhalt bewirken kann, soll hier nur erwähnt werden; das Fehlen eines Titels und einer Zeitung in der 7. Zeile kann inhaltlich begründet sein, kann aber auch die technische Erklärng haben, dass es für den Zweck keine geeignete Abkürzung gab. Deutlich scheint mir die Wahl von LSD in Zeile 4 technisch begründet zu sein: es gibt für mildere Narkotika auf Schwedisch keine Abkürzungen und LSD ist eigentlich für den Zusammenhang ein zu schweres Narkotikum.)

Aus kvantitativer Sicht können wir schliesslich feststellen, dass auf vier Zeilen nur ein Symbol vorkommt; ausser BB und STOP zwei mal nur TV (12 und 13). Auch das werden wir für die Interpretation ausnützen können.


Kombination Position & Kvantität

Die Tatsache dass TV 10 mal vorkommt und ausser BB und STOP alleine eine Zeile ausmachen kann und ausserdem immer an letzter Stelle steht macht aus drei Gründen {TV} zu einem Paradigma. Wir müssen uns nun fragen ob das Paradigma nur aus diesem einen Symbol besteht. Haben andre Symbole die gleiche oder eine ähnliche Funktion wie TV? Aufschlussreich ist es nun zu untersuchen von welchen Symbolen TV in den zwei Zeilen ersetzt wird, wo es vorkommen könnte aber nicht tut.

Die zwei Symbole die in den Zeilen 4 und 6 anstatt TV die Zeile beenden sind LSD und OP - das erste ein schweres Narkotikum, das zweite ein Rauschmittel. Aus formaler sicht (Position Ende der Zeile) lässt sich ein Paradigma, das aus {TV, LSD und OP} besteht, errichten. Unsere nächste Frage muss nun sein, ob dieses formale Paradigma inhaltliche Relevanz hat, also ob diese drei Symbole einen gemeinsamen semantischen Kern besitzet, der sie auch zu einem inhaltlichen Paradigma macht.

Ich glaube dass der gemeinsamme inhaltliche Nenner in dem Paradigma als FLUCHT VON DER WIRKLICHKEIT oder etwas ähnlichem bezeichnet werden kann. Der negative Klang der die übrigen Symbole im Paradigma auszeichnet, wirkt auf TV ansteckend. (Für einen Schweden ist das negative Element in OP ganz gewiss deutlicher als für einen Österreicher!)

TV, OP und LSD werden in diesem Text also eine art Alloseme, und wir sehen hier, wie das Prinzip der paradigmatischen Äquivalenz auf die syntagmatische Ebene projiziert wird. Das bedeutet dass das Paradigma {TV, LSD, OP} a posteriori entsteht: es gibt selbstverständlich in der Schwedischen Sprache oder Kultur kein Paradigma mit diesen Elementen. Natürlich enthält der Text auch Paradigmata oder Teile von Paradigmata a priori, z.B.:

MEDIEN: {DN, SvD}

POLITISCH: {SSU, LO, ABF, TCO, SAF, KDS, SvD, DN}

GEWERKSCHAFTEN: {LO, TCO}

TITEL: {PR, VD}

SCHULE: {AB, Ba, BC, C}

Die dreifache formale Motivation des Paradigmas {TV, LSD, OP} - Position, Kvantität und Qualität insofern dass es als TV realisiert alleine eine Zeile konstituieren kann - gibt uns Anlass anzunehmen, dass dieses Paradigma für den Text besonders wichtig sein könnte und damit auch för den (oder einen) tieferen Sinn des "Gedichts". Die Entwicklung eines Mannes (oder Menschen), den der Text beschreibt und alle die Umstände die seinen Lebenslauf ausmachen sind alle aus den Abkürzungen herauszulesen ohne dass sich die Interpretation auf einer sehr tiefen Ebene abspielen braucht. Auch das in dem beschrieben ideologischen Wechsel etwas Kritik an der menschlichen Natur steckt, kann wohl ohne tiefer Interpretation behauptet werden. Die Kritik ist vielleicht sogar ein Paradigma a priori, das seinen Grund in unserem Wissen über die Natur des Menschen hat. Auf Schwedisch ist dieses Paradigma in dem Sprichwort "När Fan blir gammal, blir han religiös" realisiert ('Wenn der Teufel alt wird, wird er religiös'.)

Das wichtigste Paradigma in dem Text scheint mir doch das eingehend besprochene {TV, LSD, OP} zu sein. Als Grund für diese Annahme sehe ich die oben genannte dreifache Motivierung. Ein wichtiger Sinn des Texts besteht demnach in einer Kritik am Fernsehen. Gleichzeitig ist die humoristisch-kritische Haltung zu den Abkürzungen die auch der Titel Livet är kort direkt ausspricht.



*****

Ich habe in diesem Aufsatz versucht zu demonstrieren wie Sinn entstehen kann und dass es Methoden gibt um Paradigma zu erkennen und Kriterien dafür ob oder ob nicht man ihnen Gewicht zusprechen soll. Formale Kriterien können nur nur als heuristische Hilfsmittel - Strategien - benutzt werden um die ersten Hypothesen über den Sinn eines Texts aufzustellen. Ich glaube aber dass diese Strategien generell bei der Interpretation wirksam sind und das sie geregelt sind und entdeckt werden können. Interpretation baut also meiner Ansicht nach nicht, wie E. D. Hirsch in Validity in interpretation (1967 und später) meint, auf unerklärbare Sprünge der Phantasie ("leaps of imagination").

Der Text, den ich für diese Demonstration gewählt habe, ist ganz gewiss für eine Demonstration dieser Art besonders geeignet - nicht weil er auch für Nicht-Schweden ziemlich begreifbar ist, sondern vorallem weil er die demonstrierte Methode deutlicher macht als dies vielleicht mit einem anderen Text möglich gewesen wäre. Jedoch stellt sich die Arbeit mit Paradigmata a priori bzw. a posteriori, die sowohl formal als inhaltlich bestimmt sind, auch bei sehr verschiedenen Texten als sehr hilfreich heraus, sowohl bei einer angewandten Interpretation eines einzelnen Texts wie in dem Lehren und Lernen der Theorie der Interpretation.

 

 

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