PETER CASSIRER


Startsida

 

RIGOLETTO

GÖTEBORG: Verdi, RIGOLETTO: TRAURIGER ABSCHIED VOM STORA TEATERN

Mit Rigoletto nimmt das geliebte Stora Teatern ('Das große Theater') in Göteborg Abschied von der Oper. Vor 135 Jahren verdiente in der damaligen Kleinstadt das Theater wohl seinen Namen. Nun ist das Gebäude von außergewöhnlichem Charme seit langem zu klein und abgenutzt und nach fünfzigjährigem Streben steht ein neues Opernhaus am Ufer des Göta Elfs in dem im Herbst die neue Saison beginnen wird. Wenn auch nicht so aufsehenerweckend wie die Oper zu Sidney ist die neue Göteborger Oper für die Verhältnisse der zweitgrößten Stadt Schwedens eine der wichtigsten Kulturmanifestationen des&nbspJahrhunderts.

Allerdings werfen nicht nur _konomische Probleme einen tiefen Schatten über die Freude auf das neue Haus: kaum wurde in der Märznumer 1993 der OPERNWELT der neulich angestellte künstlerische Leiter der Göteborger Oper, Gardar Cortes, vorgestellt, als er unter großem Aufsehen entlassen wurde. Und kurz nach der letzten Premiere im alten Haus im November, über die hier berichtet werden soll, wurde auch der Intendant Sven-Gunnar Tillius von der Direktion verabschiedet. Dem Theater fehlt nun also sowohl künstlerische wie auch administrative Leitung, aber daß dem Theater schon seit langem eine durchdachte Planung fehlt ist offenbar. Nach einer langen Periode mit unwahrscheinlichen Erfolgen in den siebziger und achziger Jahren und hervorragenden Vorstellungen, die oft als das beste Ballet und die beste Oper in Schweden bezeichnet worden sind, ist das Niveau in den allerletzten Jahren bedenklich gesunken.

Die letzte Premiere in dem alten Theater ist in dieser Hinsicht keine Ausnahme sondern eher ein trauriger Tiefpunkt. Schon die Wahl der Oper ist keineswegs einwandfrei; Rigoletto ist zwar eine der schönsten Opern, aber nur sechs Monate zuvor ging eine andere Verdi-Oper - Falstaff - über die Bühne; danach wurde nur Der Liebestrank von Donizetti gebracht. Für ein Haus das in den letzten Jahrzehnten dem Publikum viele neue Opern vorgestellt hat und sich um ein breites Spektrum bemüht hat, ist das wahrhaftig ein eingeengtes und schlappes Repertoire.

Hätte man im Hause eine perfekte Beszetzung für Rigoletto gehabt, könnte man die Wahl noch verteidigen. Aber von den drei großen Rollen ist keine einzige mit eigenen Kräften besetzt. Als Gilda stellt sich die junge Isländerin Sigrún Hjálmtyrsdóttir vor. Auch für den Herzog wurde ein Gast geladen: der Liebling des Göteborger Publikums Tito Beltrán, der im April dieses Jahres als Nemorino ebenfalls als Gast sein Debut am Stora Teatern machte. Sogar für Monterone war ursprünglich ein Sänger von der Stockholmer Oper bestellt! Wegen seiner Indisposition sang Mats Persson die Partie mit so hervorragendem Erfolg daß man sich fragen muß wieso die Opernleitung einen Gast in dieser Partie überhaupt für nötig hielt.

Die Titelpartie hätte Per Stokholm singen sollen; er machte die Rolle 1982 in einem gänzlich mißlungenen Konzept von Nicolas Joel und war aus vokaler Sicht eine Fehlbesetzung. Nun erkrankte er und wurde von dem schon seit mehreren Jahren vom Theater pensionierten Enzo Florimo ersetzt. Obwohl er Rigoletto äusserlich sehr glaubwürdig personifieren konnte, war er in vokaler Hinsicht ganz und gar überfordert und sein Rigoletto wurde zu einem traurigen Abschied für einen sympathischen Sänger der am Theater dreßig Jahre die führende Bassbarytonrollen gesungen hat.

Auch in anderer Hinsicht is diese Rigolettovorstellung ein trauriges Erlebnis. Die Regie von Sonja Frisell schwankt bedenklich zwischen Realismus und Stilisierung. Im ersten Bild will Frisell einen liederlich orgiastischen Renaissancenhof darstellen. Um das zu bewirken lässt sie die Tochter von Monterone auf der Bühne auftreten und in Stricken geworfen offen geschändet werden; am Ende der Szene ersticht sie sich vor Scham. Der Gedanke ist sicher an und für sich nicht schlecht, aber Frisell und Terry Etheridge, der choreographiert, lassen das Mädchen, keusch gekleidet, auf der Bühne im weitesten Sinne hilflos herumstehen während sich Hofleute paarwesie gänzlich unengagiert und völlig unsensuell umarmen.

Obwohl die Realisierung der Konzeption versagt, macht der Tod des jungen Mädchen den Hof in Mantua doch zu dem gefährlichen Platz den er sein müßte aber nur selten auf der Bühne wirklich wird; Rigoletto schwebt in keiner Unwissenheit was mit seiner entführten Gilda geschehen könne. Die Athmosphäre der ersten Szene bleibt allerdings nicht erhalten - hauptsächlich wegen dem schwachen vokalen Einsatz Florimos. Erst als sich der junge Herzog mit Maddalena einläßt gewinnt die Vorstellung etwas an Intensität und in der Liebesszene zwischen Herzog und Maddalena ist endlich ein Funke von echtem Gefühl zu spühren. Angesichts der Hübschen Darstellerin, Anna Norén, ist das nicht schwer zu verstehen; dem kleinwüchsigen Beltrán fällt es nämlich ganz offensichtlich schwer mit seiner ziemlich großen Gilda umzugehen.

Sigrún Hjálmtyrsdóttir hat einen schönen und ungewöhnlich kräftigen Koloratursopran - sie war in ihrer Jugend ein bekannter Popstar auf Island - mit einem etwas kalten, stählernen Klang in der Höhe. Solange sie auf der Bühne alleine ist, gelingt es ihr auch überzeugend die Verliebtheit eines blutjungen Mädchens zu illudieren; zusammen mit Beltrán fällt ihr das schwerer. Beltrán ähnelt dem Schmähbild eines Operntenors im Anfang dieses Jahrhunderts: um so höher die Tessitura, um so schöner, offener, freier und glanzvoller klingt seine Stimme. Also kümmert er sich hauptsächlich darum diese Töne zu exponieren, und das gelingt ihm so gut daß man es ihm verzeihen muß daß er oft einen rauhen Ansatz hat, daß er an einer Rolleninterpretation offenbar nicht interessiert ist und daß ihm die Bühne nur als Podium zu dienen scheint.

Mit einem Rigoletto, der darunter offensichtlich leidet der Partie nicht gerecht sein zu können und mit einem Herzog der sich nur um seine Stimme kümmert kann es Sigrún Hjálmtyrsdóttir alleine nicht gelingen diese Vorstellung auf die ehmalige Ebene des Stora Teatern zu bringen.

Wenn die Geschichte von Stora Teatern geschrieben wird, werden andre Produktionen im Zentrum stehen.


VERDI: "Rigoletto". Premiere und besuchte Vorstellung am 30 Oktober 1993. Musikalisache Leitung: HGabriele Belline; Inszenierung: Sonja Frisell; Bühnenbild: Marouan Dibs; Choreographie: Terry Etheridge; Licht: Ulf Liberg; Solisten: Enzo Florimo (Rigoletto), Sigrún Hjálmtyrsdóttir (Gilda), Tito Beltrán (Herzog), Anna Norén (Maddalena), Lars-Henry Larsson (Sparafucile), Mats Persson (Monterone), Thomas Ellerås (Marullo), Sten Pernmyr (Borsa), Mats Almgren (Ceprano), Helena Holmberg (Gräfin Ceprano)

 

 

Startsida